Vor dem Schreiben: Lesen

In unserem vorherigen Beitrag haben wir einen Überblick über die wichtigsten Recherchequellen für wissenschaftliche Publikationen gegeben. Neben den spezifischen fachlichen Inhalten kann man „ganz nebenbei“ lernen, wie ein gutes Paper aufgebaut ist. Nur wenn man die Regeln des wissenschaftlichen Lesens kennt, kann man seinen eigenen Artikel verbessern und für den Leser oder die Leserin interessanter gestalten.

Der Leseprozess

Die inhaltliche Auseinandersetzung mit einem wissenschaftlichen Text ist anspruchsvoll. Dies zeigt sich auch daran, dass zahlreiche Veröffentlichungen sich mit diesem Thema befassen und unterschiedliche Methoden der Wissensextraktion beschreiben.

Doch wie genau liest man einen wissenschaftlichen Artikel? Srinivasan Keshav beantwortet diese Frage in seinem Beitrag [1]. Der Autor beschreibt drei Phasen der Auseinandersetzung mit dem Text.

  • Übersicht verschaffen: Der Text wird anhand seines Titels, dem Abstract, der Einleitung, der abschließenden Zusammenfassung und den Kapitelüberschriften bewertet. Diese Phase ist entscheidend. Der Leser oder die Leserin entscheidet in dieser Phase, ob der Beitrag für eine vertiefende Auseinandersetzung geeignet ist.
  • Den Inhalt erfassen: In dieser Phase befasst sich der Leser oder die Lesering das erste Mal mit dem Inhalt des Textes und den dargestellten Diagrammen und Bildern. Während dieser ersten Sichtung sollten offene Fragen oder Verständnisprobleme zunächst noch ignoriert werden.
  • Details verstehen: In dieser abschließenden Phase setzt sich der Leser oder die Leserin detailliert mit den Stärken und Schwächen des Beitrags auseinander und sollte anschließend alle beschriebenen Informationen und Probleme nachvollziehen können.

Das Wissen über die zuvor beschriebenen drei Phasen der Textauseinandersetzung lassen Rückschlüsse auf Ihren Beitrag zu. Bedenken Sie, dass die riesige Anzahl an verfügbaren Quellen es erfordert, schnell geeignete Quellen zu identifizieren. Überzeugen Ihr Titel oder Ihre Überschriften nicht, wird Ihr wissenschaftlicher Artikel womöglich trotz guten Inhalts nicht gelesen. Eine intensive Auseinandersetzung mit einem wissenschaftlichen Text kostet viel Zeit, die viele Menschen bei der täglichen Arbeit nicht haben. Legen Sie besonderen Wert beim Schreiben Ihres Beitrags auf den Abstract, die Einleitung und die Zusammenfassung! Weiterhin weist Keshav darauf hin, dass Abbildungen und Tabellen von besonders großer Bedeutung sind.

Aus der dritten Phase lässt sich ableiten, dass der Leser oder die Leserin spätestens nach dem zweiten Lesen Ihres Beitrags den Inhalt Ihres Textes verstanden haben muss. Dies können Sie dadurch testen, indem Sie Ihr Paper von einer zweiten oder dritten Person lesen lassen. Fragen Sie gezielt nach, wie die Verständlichkeit und der Aufbau des Textes bewertet werden.

Den Inhalt erfassen

Bei der Erschließung eines wissenschaftlichen Textes – vor allem, wenn der Text in Ihre eigene Arbeit einbezogen werden soll – spielt die Anfertigung von Notizen eine besondere Rolle; ganz besonders dann, wenn Sie mehrere Quellen vergleichen oder in Beziehung setzen wollen. So geben u.a. [2] und [3] zahlreiche Hinweise zum Exzerpieren, Aggregieren und zur Organisation von Inhalten und Quellenangaben. Nehmen Sie sich Zeit, das Gelesene aufzubereiten und zu ordnen. Eine systematische Strukturierung des Wissens stellt die Basis für einen guten Artikel dar.

Literaturverzeichnis

[1] Srinivasan Keshav, How to Read a Paper, ACM Computer Communication Review, Juli 2007.

[2] Franck, Norbert ; Stary, Joachim: Die Technik wissenschaftlichen Arbeitens : Eine praktische Anleitung. 16. Aufl. Paderborn : Schöningh, 2011 (UTB Schlüsselkompentenen, Kernkompetenzen 724). – ISBN 978-3825207243

[3] Balzert, Helmut ; Schäfer, Christian ; Schröder, Marion ; Kern, Uwe: Wissenschaftliches Arbeiten : Wissenschaft, Quellen, Artefakte, Organisation, Präsentation. 1. Aufl., 4. Nachdr. Herdecke : W3L-Verl, 2010 (Soft Skills). – ISBN 9783937137599

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